Sonntag, 4. September 2022

Auf die Königin des Steinernen Meeres

Gestern hatten wir eine Traumtour, was soll da noch kommen? Ach was, auch Traumtouren müssen doch nochmal zu toppen sein. Sonst hat man doch bald gar nichts mehr zum Träumen. Also träumen wir uns heute auf die Schönfeldspitze. Traumhaft leicht wird das aber dann eher nicht. Schließlich steht in der Tourenbeschreibung, exklusiv schwarz - an der Grenze dessen, was in einem Wanderführer noch erwähnt werden sollte. Die Einzeltour ist schon gar nicht mehr beschrieben.

Quelle Rother Wanderführer Hochkönig, 1. Auflage 1994

Bevor die Träumerei noch überstrapaziert wird zurück zum Plan. Im Prinzip wollen wir heute den gestrigen Gratweg fortsetzen. Dieser führt uns im Idealfall über zwei weitere Gipfel auf die Schönfeldspitze 2.653m. Zwar ist sie nicht ganz der höchste Punkt im Steinernen Meer, das Selbhorn ist noch 2m höher. Doch die Schönfeldspitze steht exponiert und bietet eine fantastische Aussicht über das Steinerne Meer zu Watzmann und Königssee auf der einen Seite und über das Saalfeldener Becken zum Alpenhauptkamm auf der anderen Seite. Zudem hat der Gipfel eine perfekte Pyramidenform und fordert ausgesetzte Kletterei im I. Grad.


Wir müssen uns also erstmal stärken. Das Frühstücksbuffet auf der Hütte passte gut zur gewinnoptimierten Organisation des Vortages. Alles ist auf ein knappes Zeitfenster getimt, lange Warteschlangen führen zu wenig Interesse, sich nochmal anzustellen. Das Riemannhaus hat eine tolle Lage und man muss hier wohl nicht allzusehr auf die Interessen der Gäste eingehen. Das merkt man leider. Aber das, was es zu futtern gibt ist ganz ok und erfüllt seinen Zweck. Schließlich sind wir auf einer Schutzhütte und nicht im Berghotel.

Wir starten halb 9 und entscheiden uns tatsächlich für den Umweg über den Grat. Es gäbe noch einen etwas kürzeren Weg, der auf Gegenanstiege verzichtet, jedoch auch nicht so aussichtsreich ist. Nach einer knappen Stunde stehen wir auf Gipfel Nr. 1 dem Schönegg 2.389m, wirklich ein schönes Eck und mit tollem Blick zurück auf unseren gestrigen Weg vom Mitterhorn zum Breithorn.

Von hier geht es entspannter auf dem Wiesengrat gen Wurmkopf 2.451m.
Über Schroffengelände steigen wir auf direktem Weg hinab in die Wurmscharte, die von der Gipfelpyramide trennt.

Nun beginnt die Kraxelei. Erst moderat, dann durchgängig im Ier Gelände gespickt mit IIer Stellen. Mit 9kg zusätzlich auf dem Rücken zum permanenten Übergewicht, kommt man auch in der schattigen Nordseite ordentlich ins Schwitzen.
Im Vergleich zu gestern, wo wir zwischen Persailhorn und Breithorn nur einen Menschen getroffen haben, herrscht hier reges Begängnis. Der Berg ist anspruchsvoll, aber halt auch ein Must-Have im Tourenbuch des Alpinisten. Das Wetter ist wieder perfekt.

Ein Blick nach oben hinterlässt Fragezeichen, kompakter steiler Fels, wo soll es hier hochgehen? Am Grat angekommen, löst sich das Rätsel. Wir wechseln in die Südseite und queren auf einem Felsband zum Normalweg am Ostgrat.
Hier noch 100 Hm über Schroffen hinauf und wir stehen am Gipfel. Knapp 3h mit dem Gepäck - wir sind zufrieden und ich bin echt stolz auf mein tapferes Frauchen 😍

Ausgiebige Fotopause am Gipfel mit dem einmaligen Gipfelkreuz und es geht wieder hinab.
Hinten der Königssee. Links davon der Watzmann schon in Wolken.
Das Schroffengelände abwärts mochte mein DoDo noch nie leiden und die Performance lässt so erheblich nach. Für die gut 300 Höhenmeter in die Buchauer Scharte brauchen wir mehr als die geplanten 1,5h. Mein Frauchen ist wahrscheinlich der einzige Bergsteiger, der runter länger braucht als hoch. Aber immer noch besser übervorsichtig nach unten als nach beeindruckenden Purzelbäumen am Fels zerschellt.
Immerhin waren wir über 3h im richtig steilen Gelände unterwegs, mit voller Konzentration. Da ist man doch ganz froh wieder auf dem normalen Wanderweg zu sein. Hungrig macht es auch, also erstmal Picknick. Die letzten Vorräte aus dem Rucksack müssen dran glauben, in den letzten beiden Tagen ist die Versorgung unterwegs auf Hütten sichergestellt. Das Dr. Karg Knäckebrot ist eine echte Entdeckung für unterwegs und vor allem deutlich leichter als das Pumpernickel, dass ich vorher immer durchs Gebirge transportieren durfte.


Nun kommt die klassische Überschreitung des Steinernen Meeres. Gletscher und Karstverwitterung haben hier ein wellenförmiges Meer aus Stein hinterlassen. Schaut schön aus, ist aber bissl anstrengend zu gehen. Am "Toten Weib" überqueren wir die Grenze nach Deutschland und die Markierungen werden sporadischer.
Durch die Stuhlgasse nochmal darauf achten, dass Füße oder Stöcke nicht in einem Karstloch versinken und dann kommt schon - oder je nach Auge des Betrachters erst - der Funtensee in Sicht. 17:15 Uhr erreichen wir unsere heutige Schlafstätte - das Kärlinger Haus auf 1.600m.
Der Funtensee ist übrigens der kälteste Ort Deutschlands ☃️. Achtet mal beim Wetterbericht darauf, wird öfters erwähnt.

Das Kärlinger Haus wirkt für diese abgelegene Gegend ordentlich überdimensioniert. Doch hier schneiden sich die Wanderwege von Königssee und Watzmann mit den beliebten Touren durchs Steinerne Meer, die es übrigens in allen Schwierigkeitsgraden gibt. Eine 3-Tagestour ohne Schwierigkeiten kann hier auch alpin Unerfahrenen den Einstieg in Mehrtagestouren ermöglichen.

Wir teilen uns das 4-Bett-Zimmer mit 2 Damen aus Freiberg. Zum Abendessen treffen wir noch mehrere Artgenossen aus dem Erzgebirge. Offensichtlich hat der Hüttenwirt die Sachsen schon mal separiert ;)

Dusche gibt es diesmal, aber nur kalt. Also halten wir uns an die Gebrauchsanweisung von Winfried Kretschmann und nutzen den Waschlappen. Das aufgeregte Verhalten der jungen - wenn vielleicht auch nicht letzten - Generation bei Berührung mit dem unangenehm temperierten Nass im Waschraum lässt ahnen, dass die Gasschraube im Winter ihre Wirkung zeigen wird. Kann kein Schaden sein, wenn hier alle mal wieder geerdet werden.

Zum Abendessen gibt es Suppe und Schweinebraten. Eine ordentliche Portion, das haben wir uns heute aber auch verdient. Schon um 21 Uhr sinken wir in die Federn, die sich aber auch hier auf den Hüttenschlafsack und AV-Decke beschränken. Immerhin sind die jetzt aus Fleecestoff und nicht mehr aus ranzigem Filz.



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